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6.1.2.4. Alternative Chat-Oberflächen
 
Die ursprüngliche Benutzeroberfläche von Chat, der serielle Textchat, bietet einige Mängel. Es gibt daher von den verschiedensten Seiten Bemühungen, eine verbesserte Benutzeroberfläche für Chat-Kommunikation zu entwickeln. In diesem Zusammenhang führe ich die Herangehensweisen von drei verschiedenen Forschungsteams an.

“Conversation Trees and Threaded Chats”
Smith et al. (2000) listen in ihrem Artikel die Nachteile des seriellen Textchats folgendermaßen auf:
  1. Die Autoren von Nachrichten werden zu Beginn der Nachrichten mit Namen angeführt. Bei vielen Teilnehmern und vielen kurzen Nachrichtenabfolgen ist es für einen Benutzer schwer, die Autorenzugehörigkeit richtig zu erfassen.
  2. Man sieht nicht, ob ein Gesprächsteilnehmer auch wirklich zuhört (mitliest)
  3. Es gibt kaum Anhaltspunkte, die den Verlauf des Redewechsels anzeigen. Bei Sprach-Kommunikation hört man und sieht man durch Gestiken, wann jemand das Wort ergreifen möchte und seinen Beitrag kommuniziert. Bei den meisten seriellen Textchats erkennt man nicht, ob ein Gesprächsteilnehmer gerade eine Nachricht schreibt. Die Nachricht wird erst übermittelt, wenn der Autor die Entertaste gedrückt hat. Je nach Tippgeschwindigkeit und Qualität der Internetverbindung entstehen verschieden lange Gesprächspausen, die Missverständnisse auf Grund subjektiver, negativer Interpretation hervorrufen können.
  4. Es gibt keine Regelung für die Redeabfolge. Des Öfteren schreiben zwei Gesprächsteilnehmer gleichzeitig an einem Beitrag. Die Reihenfolge wird dadurch bestimmt, wer schneller die Entertaste drückt. Diese Reihenfolge trägt dann zur Entstehung von Missverständnissen bei. Diese Tatsache erzeugt hohen Druck beim Schreiben von Nachrichten, so dass diese so kurz wie möglich gehalten werden. Die Möglichkeit zur Führung von parallelen Erzählsträngen könnte hier durchaus vorteilhaft sein. Der serielle Ablauf eines Standard Textchats ist dafür aber relativ ungeeignet.
  5. Eine Speichermöglichkeit von Chat-Gesprächen sollte bei keinem Chat fehlen. Die so genannte History bzw. Logfiles von Chat-Gesprächen sind jedoch meist sehr lang und im Nachhinein schwer nachvollziehbar.
Als Antwort auf diese Kritikpunkte haben Smith et al. (2000) den Threaded Chat entwickelt. Wie schon im Kapitel 4.3 erläutert, ist dieser ein Kombinationsversuch aus der Baumstruktur der asynchronen Diskussionsforen und dem synchronen Chat. Aufbauend auf 5 Hypothesen führte das Forscherteam einen Benutzertest durch. 18 Gruppen von drei bis vier Personen mussten einmal mit dem Threaded Chat und einmal mit einem seriellen Chat eine Personalentscheidung treffen. Das Spektrum von Alter, Geschlecht und Beruf der Testpersonen wurde bewusst weit gestreut gewählt. Ferner hatte jede Testperson mindestens einmal im vergangenen Jahr einen seriellen Textchat benutzt.

Hypothesen:
  1. Threaded Chat unterstützt die thematische Kohärenz besser als ein serieller Chat.
  2. Das Speicherformat des Threaded Chat ist verständlicher zum Nachlesen.
  3. Die einzelnen Beiträge sind im Threaded Chat länger, da man bei der Positionierung eines Beitrags nicht so unter Zeitdruck steht.
  4. Beim Threaded Chat treten weniger Beiträge auf mit denen zuvor Gesagtes korrigiert wird. Als Folge dessen werden insgesamt weniger Beiträge geschrieben.
  5. Der Level der Beteiligung zwischen Schnellschreibern und Langsamschreibern ist im Threaded Chat ausgeglichener.
Die Ergebnisse der Studie von Smith et al. (2000) setzen sich aus vielen einzelnen Auswertungen zusammen. Die zuvor formulierten Hypothesen werden dabei jedoch nur sehr ungenau beantwortet. Die ersten beiden Hypothesen werden im Artikel nicht konkret bestätigt. Smith et al. (2000) führen zu dieser Thematik nur einige Interviewaussagen an, die ein Zutreffen der Hypothesen andeuten. Testpersonen erwähnten den Threaded Chat als aufgabenorientierter und strukturierter als den seriellen Chat. Die dritte Hypothese hat sich nicht bewahrheitet. Die Länge der Beiträge hat sich kaum unterschieden. Die vierte Hypothese wurde dadurch bestätigt, dass im Threaded Chat signifikant weniger Beiträge geschrieben wurden. Schlussendlich war die Beteiligung der Testpersonen im Threaded Chat ausgeglichener. Dafür führen Smith et al. (2000) zwei Erklärungsvarianten an. Einerseits ist es möglich, dass der Erstellungsprozess im Threaded Chat von mehreren Fertigkeiten abhängt als von der Tippgeschwindigkeit. Zweitens vermuten sie, dass der geringere Zeitdruck zu weniger Fehlern führt und daher schnelle unüberlegte Beiträge seltener auftreten. Dagegen spricht jedoch die Feststellung, dass in beiden Chat-Tools gleich wenige Korrekturbeiträge gefunden wurden. Dies führen sie auf die starke Fokussierung auf ein Thema zurück.

Allgemein ging in der Befragung der Testteilnehmer klar hervor, dass der serielle Textchat dem Threaded Chat bevorzugt wurde. Dieses Ergebnis führen Smith et al. (2000) vorwiegend auf das frühe Entwicklungsstadium des Tools zurück. So war beispielsweise die Funktion des Textumbruches nicht vorhanden und die User mussten bei längeren Beiträgen die Anzeige scrollen. Schwerwiegendstes Problem für die User war die Tatsache, dass es mehr als einen Fokus-Punkt gab. Es war schwierig dem Gesprächsverlauf zu folgen, da man nicht deutlich sah, wo ein neuer Beitrag erscheint. Zusätzlich gab es Verwirrung darüber, wo der eigene Beitrat richtig platziert gehöre.

“Real-time text chat via collaborative editing systems”
Chen et al. (2002) gehen mit ähnlicher Kritik wie Smith et al. (2000) an die Entwicklung eines alternativen Chat-Programms heran. Sie führen dabei dieselben Kritikpunkte gegenüber dem seriellen Textchat wie Smith et al. (2000) an, ergänzen diese jedoch mit zwei weiteren Punkten:
  1. Falls mehrere Erzählstränge parallel geführt werden, bilden diese eine Art Störgeräusch für die jeweils anderen Erzählstränge.
  2. Fehler lassen sich nur schwer korrigieren. Schnelles Schreiben ist noch fehleranfälliger als sprechen. Während dem Sprechen kann man auch viel unmittelbarer einen Fehler korrigieren.
Als Alternative zum seriellen Textchat schlagen Chen et al. (2002) ein „collaborative editing system“ vor. Dabei handelt es sich ein Programm, das das gemeinsame Bearbeiten von Dokumenten ermöglicht. Chen et al. (2002) haben das Programm „REDUCE“ mit einem seriellen Textchat verglichen und dabei folgende Vorteile erkannt.
  • Sprecherwechsel und Redeabfolge sind ersichtlich. Dies wird durch eine unmittelbare Übertragung jedes einzelnen Buchstabens der Schreibprozesse erzielt.
  • Da Erzählstränge im ganzen Dokument verstreut geführt werden können, ist der Störfaktor von parallelen Erzählsträngen relativ gering. Außerdem ist der inhaltliche Zusammenhang dieser Erzählstränge leicht zu erkennen.
  • Es gibt die Möglichkeit, Fehler zu korrigieren, da jede Textpassage editiert werden kann.
  • Es gibt die Möglichkeit, das gespeicherte Protokoll eines Gesprächs im Nachhinein mit Kommentaren zu versehen. Diese Kommentare könnte man auch extra abspeichern.
Chen et al. (2002) geben jedoch zu, dass genauso wie beim Threaded Chat die Übersichtlichkeit über das Erscheinen von neuen Nachrichten an verschiedenen Stellen problematisch ist. Sie sehen Ihre Entwicklung jedoch als weniger restriktiv, da der Vorgang der Nachrichtenerstellung und –positionierung mit weniger Aufwand verbunden ist.

“Structured Online Interactions: improving the decision-making of small discussion groups.”
Farnham et al. (2000) untersuchen, ob ein Textchat mit Funktionen, die einen geregelten Gesprächsablauf erzwingen, die Qualität von Entscheidungsfindungen in einem Chat-Meeting erhöhen. Sie generieren ihre Hypothese aus der Tatsache, dass jede Kommunikationssituation von impliziten und manchmal auch expliziten Regeln bestimmt wird. So sind sich z.B. die Akteure einer Verhandlungssituation über bestimmte Verhaltensabläufe implizit einig. Wo hingegen geschäftliche Besprechungen oft durch eine Agenda explizit organisiert werden. Ihre Forschungsergebnisse generierten Farnham et al. (2000) aus 38 Gruppengesprächen. 19 Gruppen zu drei bis vier Personen mussten zwei Mal innerhalb von 20 Minuten eine Personalentscheidung treffen. Einmal verwendeten sie dazu einen einfachen seriellen Textchat und einmal, den vom Forschungsteam eigens entwickelten Chat namens Lead Line. Die eine Hälfte der Gruppen fing mit dem einfachen seriellen Textchat an, die andere Hälfte verwendete zuerst den Lead Line Chat. Das Gespräch in Lead Line wird durch vorgegebene Szenen angeleitet. Jede Szene gibt das gewünschte Thema, das diskutiert werden soll, vor und ist zeitlich limitiert.

Die Ergebnisse wurden in zwei Bereiche geteilt. Der erste Bereich betrifft die Konsensbildung bei der Entscheidung. Hier lieferte Lead Line signifikant bessere Resultate. Beim strukturierten Lead Line Chat erzielten 90% der Gruppen einen vollständigen Konsens, wo hingegen im einfachen Chat nur 22% dies erreichten. Ebenso gaben bei Lead Line alle Teilnehmer ihre vollständige Kandidatenreihung bekannt, indes im einfachen Chat wiederum nur 22% dazu Gelegenheit hatten. Der zweite Untersuchungsbereich überprüfte die Qualität der Entscheidungen. Jedes Personalentscheidungsbeispiel hatte ein eindeutiges Lösungsranking. Über einen optimalen Informationsaustausch zwischen den Gruppenmitgliedern konnte man zur richtigen Lösung kommen. In diesem Fall wurde die Hypothese des Forschungsteams nicht bestätigt. Die Qualität der Entscheidungen der beiden Chat-Tools unterschied sich nicht signifikant. Die Studie verdeutlichte aber auch ein unerwartetes Phänomen. Es wurde deutlich, dass die Reihenfolge in der die Gruppen mit den zwei unterschiedlichen Chat-Tools konfrontiert wurden, Entscheidendes bewirkte. Man konnte einen deutlichen Lerneffekt feststellen. Gruppen die zuerst den strukturierten Lead Line Chat verwendeten, erzielten in der zweiten Runde mit dem Standard Chat in fast jeder Auswertungsvariante die besten Ergebnisse.

Aus den anschließenden Feedbackrunden konnten Farnham et al. (2000) keine allgemeinen Präferenzen gegenüber dem einen oder anderen Tool bei den Testeilnehmern feststellen. Einerseits gaben die Testteilnehmer zwar an, dass die Gespräche im Standard Chat meist verwirrender waren. Doch andererseits wurde nicht erwähnt, dass der Lead Line Chat hilfreicher gewesen wäre. Für beide Chat-Tools gab es gleichermaßen Befürworter als auch Gegner.

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Author: Astrid Holzhauser; Copyright: Astrid Holzhauser; Published by: Astrid Holzhauser (Astrid_H)
factID: 154868.2 (...history); published on 31 Mai. 2004 10:59
 
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